Gurs Deportation vor 80 Jahren
Gurs Deportation vor 80 Jahren

Gurs Deportation vor 80 Jahren

Einleitung

Vor einer Woche wusste ich nichts von der ersten akribisch geplanten Massendeportation jüdischer Menschen aus Deutschland in ein Konzentrationslager des nationalsozialistischen Regimes im Jahr 1940. Doch hier am Robert-Bosch-College bin ich Teil der Stolpersteine CAS Gruppe und habe mich im Zuge dessen damit beschäftigt. Kurzfristig habe ich mit der Unterstützung einiger Mitschüler*innen und der Gruppenleiterin der Stolpersteine-Gruppe eine Präsentation für die Assembly vorbereitet, während der das gesamte schulische und akademische Personal des Colleges und alle Schüler*innen im Auditorium zusammenkommen.

In diesem Blogartikel möchte ich mein Wissen über die Massendeportation 6500 jüdischer Mitbürger*innen nach Gurs an euch weitergeben. Denn ich sehe sie als wichtigen Teil der nationalsozialistischen Geschichte Deutschlands an und denke, wir alle sollten um sie wissen.
Außerdem möchte ich daran teilhaben lassen, was ich durch diese Recherche auch über meine Beziehung zu jüdischen Menschen in Deutschland gelernt habe.

Über die Deportation

Gurs war ein Internierungs- und Kriegsgefangenenlager und ist in Südfrankreich in der Nähe der Pyrenäen gelegen. Am 22. Oktober 1940, dem letzten Tag des jüdischen Laubhüttenfestes, wurden mehr als 6500 jüdische Männer, Frauen und Kinder aus Süddeutschland, genau gesagt aus Baden, der Pfalz und dem Saarland in einer konzentrierten und genau geplanten Aktion dorthin deportiert. Mindestens 379 jüdische Menschen aus Freiburg wurden vom Bahnhof der kreisfreien Stadt aus deportiert. Um die ganze Aktion vor der Bevölkerung geheim zu halten, wurden die Menschen schon früh am Morgen aufgeweckt und über ihre plötzliche Abreise informiert. So sagt auch der Zeitzeuge Paul Niedermann über die Deportation: „Es war eine Nacht- und Nebelaktion, die Bevölkerung sollte nichts bemerken“[1] . Da allerdings so viele Menschen aus Freiburg deportiert werden sollten, dauerte die Aktion bis zum helllichten Tag. So sahen einige Freiburger*innen dabei zu, wie ihre jüdischen Mitmenschen abgeführt wurden, und die meisten griffen dabei nicht ein, weil die nationalsozialistische Ideologie die Deportation legitimierte und sogar für gut befand.

Deportation aus Lörrach: tagsüber …und für jeden sichtbar [2]

Die zur Deportation gerufenen Menschen hatten nur wenig Zeit, sich auf die Reise ins Unbekannte vorzubereiten und auch ihre Gepäckauswahl wurde von dem nationalsozialistischen Regime stark begrenzt: Sie durften nur ein wenig Geld, Essen für ein paar Tage und die nötigste Kleidung mitnehmen und mussten alle Wertpapiere und sonstige wichtige Dokumente in ihren Wohnungen lassen.

Dann wurden die jüdischen Menschen gegen ihren Willen in die Züge verfrachtet, die sie dann über drei Tage und vier Nächte hinweg von Süddeutschland nach Gurs in Südfrankreich transportieren mussten. Doch ganz im Gegensatz zu uns heute wussten sie damals vor 80 Jahren noch nicht, wo sie ankommen würden. Stehend und eingequetscht, hungrig, erschöpft und mit Nichtwissen, aber einem unguten Gefühl im Bauch verbrachten sie also diese drei Tage und vier Nächte in den Zügen, wobei es sich für sie wahrscheinlich wie eine nie endende Reise ins Ungewisse anfühlte. So muss sich der Transport mit dem Zug schon wie Folter angefühlt haben, bevor die wahre Folter im Konzentrationslager begann.

Die Zeit in Gurs

Das Erste was den Überlebenden von Gurs zu der Zeit im Lager einfiele, sei Schlamm, so Paul Niedermann. „Überall Schlamm, knietief und übelste hygienische Bedingungen.“ Über die Unterkunft sagte der 2018 mit 91 Jahren verstorbene: „Die Holzbaracken waren für 40 Personen berechnet, wir waren bis zu 200.“ Etwa 1000 Gefangene starben in Gurs an den katastrophalen Zuständen: Hunger, ungenügende hygienische Bedingungen, Erschöpfung, Krankheit und mangelnder medizinischer Versorgung. Im August 1942 wurden dann die Überlebenden Menschen (etwa 2700 Menschen) in die Vernichtungslager im Osten deportiert (Hauptsächlich nach Auschwitz-Birkenau) und dort ermordet.

Camp de Gurs — Wikipédia
Diese Gedenktafel in Gurs erinnert an die Menschen, die im Lager interniert waren [3]

Zeit für eine Reflektion

Heute verurteilen wir diese Ideologie und die Menschen, die neben all diesen Verbrechen zugeschaut haben, ohne einzugreifen. Denn wir fragen uns berechtigter Weise: Inwieweit haben diese Zeug*innen und Zuschauer*innen diese Gräueltaten ermöglicht? Und das ist wichtig. Doch es ist auch wichtig, dass wir versuchen zu verstehen, warum die Menschen damals meist geschwiegen haben. Denn es ist wichtig, das Schweigen zu brechen und doch herausfordernd, dies zu tun, wenn die Mehrheit der Menschen um einen herum glaubt, dass das, was passiert, richtig und gerecht ist.

All das Eigentum, dass die jüdischen Menschen in den Wohnungen zurücklassen mussten, wurde später auf öffentlichen Auktionen an die Mitmenschen verkauft, die teilweise einige Zeit davor die Deportation mitbekommen hatten.

Öffentliche Versteigerung der zurückgelassenen Habseligkeiten:
Wie hier in Lörrach kamen viele, um von ihren deportierten Nachbarn
Wäsche, Geschirr oder Möbel und sogar die Zahnbürsten zu kaufen. [4]

Als ich das Bild zum ersten Mal sah, fragte ich mich, ob diesen Menschen bewusst war, dass sie gerade die Wäsche, das Geschirr oder die Möbel der Deportierten kauften und wenn ja, warum sie weiter mit ihrem Leben fortfuhren, als sei nichts geschehen.

Gedenken in freiburg am Platz der alten Synagoge

Am Donnerstag bin ich mit unserem Schulleiter Laurence Nodder und acht Schüler*innen zum Platz der Alten Synagoge gefahren, um dort an der offiziellen Gedenkfeier teilzunehmen. Es war eine sehr interessante Erfahrung und es hat meinen Horizont erweitert, mit Menschen außerhalb des Campus an dieses schreckliche Geschehnis zu gedenken und mich damit auseinanderzusetzen. Die Redebeiträge verschiedener Menschen aus verschiedenen Perspketiven waren inspirierend und ich bin dankbar dafür, trotz der pandemiebedingten Regeln, an die wir uns halten müssen, Teil dieser Veranstaltung gewesen sein zu dürfen.

Gedenktafel am Platz der alten Synagoge in Freiburg [5]

Was mir das über mein Verhältnis zu jüdischen Menschen gezeigt hat

Ich hat in meinem Leben bisher nur unglaublich wenig Kontakt zu jüdischen Menschen, geschweige denn zu einer jüdischen Gemeinschaft. Und wenn ich welchen hatte, wusste ich nur selten davon, weil in den meisten Beziehungen, die ich zu anderen führe, Religion keine große Rolle spielt. Durch die Recherche habe ich also gemerkt, dass mein Blick auf „das Judentum“ und „jüdische Menschen“ sowie ihr heutiges Leben in Deutschland verzerrt ist. Außerdem ist mir durch die Rückmeldung anderer Menschen aufgefallen, dass ich durch meinen Sprachgebrauch jüdische Menschen sehr stark von der gesamten Gesellschaft abtrenne. Das war schockierend und wertvoll für mich und ich bin den Menschen aus der Stolpersteine-CAS dankbar dafür, dass sie in mir einen Reflektionsprozess angestoßen haben.

Ein kleine Randnotiz

Ich habe es zum zweiten Mal nicht geschafft, den neuen Blogartikel pünktlich am Sonntag zu veröffentlichen. Das ärgert mich und ich möchte mich an eine Routine gewöhnen, die es mir ermöglicht, das Vorbereiten eines neuen Beitrags auf angenehme Art und Weisein mein vollgepacktes Alltagsleben hier am Robert-Bosch-College einzubinden. Doch dabei möchte ich im Blick behalten, dass ich das hier aus Leidenschaft tue und weiterhin tun möchte – und deshalb nicht hart zu mir zu sein.

Quellen

[1] https://fudder.de/kz-gurs-ein-deportierter-erinnert-sich (26.10.2020; 20:41)

[2] https://www.landeskunde-baden-wuerttemberg.de (28.10.2020; 23:12)

[3] https://fr.wikipedia.org/wiki/Camp_de_Gurs#/media/Fichier:Camp_de_Gurs_panneau_m%C3%A9moriel_1980.jpg (28.10.2020); 23:14]

[4] https://www.welt.de/kultur/history/article13705770/Mit-der-Deportation-begann-die-Schnaeppchenjagd.html (28.10.2020; 22:16)

[5] privates Foto

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